Florian Manz Photography

KAROSTA

In der ehemaligen sowjetischen Militärstadt Karosta gibt es zerfallene Bunker, verseuchte Strände und Wodkakneipen, aber keinen Ort, an dem Kinder spielen können. Ihr einziger Zufluchtsort ist eine kleine Musikschule – eine Oase im tristen Grau der Geisterstadt. Nun soll sie geschlossen werden.

Wer seinen Fuß über die Türschwelle der kleinen Musikschule in Karosta setzt, betritt eine bessere Welt. Durch die orange getünchten Flure zieht sich ein Klangteppich aus Tonleitern und Dreiklängen, auf den Klavieren stehen Osterglocken, Mädchen mit Notenmappen unterm Arm warten auf den Unterricht. „Wenn ich mich ans Klavier setze, vergesse ich die Welt da draußen“, sagt die 14-jährige Karina. Die Welt da draußen, das sind zerfallene Bunker und Plattenbauten, trinkende Väter und Mütter ohne Arbeit. Die Welt da draußen heißt Karosta, ein ehemaliger Militärstützpunkt der sowjetischen Armee an der lettischen Ostseeküste. Karosta heißt auf Deutsch „Kriegshafen“, früher legten hier Atom-U-Boote an, Soldaten marschierten durch die Straßen und in den Häusern und Kasernen lebten mehr als 40.000 Menschen. Als die Sowjetunion zerfiel, zogen die Soldaten ab. Die Schulklassen wurden immer kleiner, aus Kasernen wurden Ruinen, hunderte Wohnungen standen plötzlich leer.

Heute wohnen noch 6000 Menschen in Karosta. Für die Kinder gibt es keinen Club, kein Jugendzentrum, keinen Sportverein, sie leben in einer Geisterstadt. Die Musikschule ist ihr einziger Anlaufpunkt, und auch die Kinder der russischen Minderheit können hier lernen. Weil der lettische Staat kein Geld mehr hat, soll sie geschlossen werden. Die Lehrerinnen kämpfen um das Überleben der Schule. Wie lange ihre Kraft noch reicht, ist ungewiss.

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